Eine Milliarde sind eintausend Millionen
BriefLetter - Issue 01/2012

von Franz M. Schmid-Preissler

„Eine Milliarde sind eintausend Millionen“. - Stimmt. Warum ich das erwähne, wurde ich kürzlich gefragt. Meine Antwort war, weil ich der Meinung bin, dass uns das Gefühl für die Milliarden und Millionen abhanden gekommen ist. Was ist schon eine Milliarde oder zehn oder hundert? Die Finanzkrise, die wir derzeit weltweit erleben, macht es in erschreckender Weise deutlich, die Menschen, besser gesagt wir alle, haben mehr oder weniger das Gespür für Zahlen verloren.

Legionen von Instituten, Finanz- und Wirtschaftsweise, von denen wir nicht mehr wissen, was und worin denn ihre Weisheiten bestehen, Think Tanks, die Medien und nicht zu vergessen Heerscharen von Controllern produzieren jeden Tag Unmengen von Zahlen, mit denen sie uns führen wollen. Wie sich aber immer mehr zeigt, wollen sie uns eigentlich nur verführen. „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ist in der Regel die Formel, nach der gerechnet wird. Dass hinter einer Wirtschaftswachstumskorrektur von einem halben Prozent einige hunderttausend Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen können, interessiert, so behaupte ich, niemand. Ja, ich behaupte, dass es niemand interessiert, weil es nicht anders zu erklären ist, mit welcher Unverfrorenheit heute Zahlen manipuliert werden.

Wer mich aus meiner Arbeit kennt, weiß, wie vorsichtig ich mit Zahlen umgehe und am liebsten in Prognosen, Vorgaben und Strategien auf Zahlenspiele verzichte. Natürlich kommen wir nicht ohne Zahlen aus, aber wenn wir uns in Zahlen statt Worten ausdrücken wollen, dann gilt, was für das gesprochene Wort gilt, nämlich die Wahrhaftigkeit.

Wenn vom „Controlling“ Vorgaben für die Geschäftsplanung kommen, ohne dass die Controller je mit einem Kunden gesprochen haben, geschweige denn einen Auftrag ins Haus geholt haben, wenn sie sich nur auf Marktforschungsdaten und Prognosen anderer berufen und undurchsichtige und vage Zahlenkonstruktionen zur Grundlage ihrer Arbeiten machen, dann ist das, was sie liefern nicht mehr als Zahlenspielereien.

In Deutschland hat kürzlich jemand überprüft, wie richtig der sogenannte Rat der Weisen in seinen Berechnungen für künftiges Wachstum in den zurückliegenden Jahren lag. Das Ergebnis war wenig schmeichelhaft. Mit der Konsequenz, dass die Regierung nah jeder Veröffentlichung neuer Weisheiten die Zahlen von sich aus nach unten korrigiert und eigene Prognosen veröffentlicht.

Wo auch immer, in der Politik, in der Wirtschaft oder im einzelnen Unternehmen, der Umgang mit Zahlen ist gefährlich locker geworden. Nicht, dass der einzelne Verantwortliche das Prinzip der Rechtschaffenheit immer und in jedem Fall absichtlich fahrlässig beiseite lässt, aber der weithin eingetretene Verlust des Gespürs für Zahlen enthemmt und die Einbildung, die Menschen wollen es auch gar nicht mehr so genau wissen, setzt noch eins obendrauf. Zahlen als Vorgabe für erwartete oder verbindlich zu erbringende Leistungen sind nur dann von Wert, wenn sie konkret mit Werten unterlegt sind. Annahmen und Vermutungen, die nicht mehr sind als was hinter Glaube, Liebe, Hoffnung steckt, müssen wir aus dem „Spiel“ mit Zahlen, man redet ja gern von Zahlenspielen, verbannt werden. Für Monopoly ist nicht die Zeit.

Mein Rat, wie wir aus dem Teufelsrad wieder herauskommen können, ist für das Erste einfach: Wir müssen uns wieder daran gewöhnen wahrzunehmen, dass hinter einer Milliarde ein tausend Millionen stehen.

 
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