| Die Tourismusindustrie macht aus Gästen Konsumenten |
| BriefLetter - Issue 10/2010 |
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Seit dem Fliegen kein wirklich angenehmes Erlebnis mehr ist, Last-Minute-Angebote ihren Reiz verlieren, Naturkatastrophen und politische Unruhen in vielen Teil der Welt eskalieren, suchen die Europäer wieder verstärkt Erholung auf ihrem eigenen Kontinent. Erholung am Meer oder in den Bergen in Europa ist wieder gefragt. Diese für Europa an sich erfreuliche Entwicklung trifft die Dienstleister, von „der Politik“ bis hin zu den Fachleuten in Gemeinden und Regionen ziemlich unvorbereitet, wie uns die große Diskussion um das Werben von Gästen zeigt. Dabei spielt sicherlich auch eine Rolle, dass die Europäer zu Eitelkeiten neigen und um tatsächlich wichtige Fakten einen weiten Bogen machen. Gast und Gastgeber sind seit langem Gefangene von Interessenverbänden und Eventmanagern, die das „Geschäft“ beherrschen und vorgeben, was möglich ist und was nicht. Die örtlichen Tourismusorganisationen, denen eigentlich die Pflege des Wohls der Gäste Beruf und Berufung sein sollte, sind mehr oder weniger nur noch die Dienstboten derer, die das Sagen haben. Wenn sich da ein Schweizer Bergdorf beispielsweise wieder sein altes „Bellini-Image“ zurückholen will, um eine neue Jet Set-Generation für sich zu begeistern, oder die Bayern darüber streiten, ob Ober- oder Niederbayern für das schönere Bayern steht, dann ändert das nichts daran, daß die Industrialisierung des Tourismus am Ende des Tages zu Lasten des Charmes geht, der im Grunde die europäischen Urlaubsregionen so unvergleichlich schön macht. Richtig genießen können die Menschen ihre Ferien in Europa erst dann, wenn die Vormacht der Geschäftemacher in die Schranken gewiesen werden. Wenn Olympische Spiele in erster Linie die Kassen der Komitees füllen sollen, sportliche Ereignisse wie Weltmeisterschaften im Schilderwald enden, in dem „Sponsoren“ ihre Reklame unters Volk bringen und jeder Baum und jede Straßenkreuzung an Eventvermarkter zur Weitervermietung überlassen sind, wird der Gast zum Konsumenten degradiert. Das schmälert auch die großen Chance vieler Regionen Europas die Gastgeberrolle in ihrer Tradition und Kultur voll auszuspielen in denen der Fremdenverkehr ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist. Bayern will 2018 Gastgeber für die Jugend der Welt sein. Nach den Vorgaben der Olympia-Gewaltigen und den Heerscharen von Geschäftemachern haben manche mangels Durchblick vergessen, daß es die Bauern sind, die der Landschaft durch Landschaftspflege und Bodenständigkeit die Qualität und den Reiz verleihen, die es für die Luxusindustrie erst interessant machen, sich in den Alpen niederzulassen. Bauernhof und Louis Vuitton können durchaus eine Symbiose im Interesse des Gastes bilden. Allerdings müssen beide die Möglichkeit haben, die eigene Rolle zu spielen. Der Gast will schmucke Bauernhäuser sehen, Fauna und Flora erleben, wie Gott sie schuf, Gastlichkeit genießen, wenn er in die Bergdörfer zur Erholung reist und dies gilt auch für die „noblen“ Orte. Und er will sportliche Ereignisse „genießen“, ohne abgezockt zu werden. Europa hat derzeit eine riesige Chance, sich seinen Bürgern und den Menschen aus aller Welt als Reservat für Lebenskultur, zu präsentieren. Großzügigkeit und Ganzheitliches Denken und Handeln, sind die Mittel, aus dieser Chance einen Erfolg zu machen. Mit dem Menschen im Mittelpunkt und den geschäftstüchtigen und geschäftigen Drahtziehern unter Kontrolle und nicht umgekehrt.
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