Zwischenhoch oder längere Schönwetterperiode in Deutschland?
BriefLetter - Issue 07/2006
Um es gleich vorweg zu sagen: Ich gehe davon aus, dass die Wirtschaft in Deutschland nicht nur 2006, sondern sehr wahrscheinlich für eine längere Periode ein Wachstum schaffen wird, das dem Land nach langer Zeit spürbar sinkende Arbeitslosenzahlen, eine deutliche Verbesserung der Finanzlage der öffentlichen Hand und mehr Konsum bescheren wird.

Die Befürchtungen, die Erhöhung der Mehrwertsteuer im Januar 2007, könnte die Ansätze zum Besseren wieder zunichte machen, teile ich nicht. Ein Großteil der Güter für den täglichen Bedarf sind ohnehin von der Erhöhung ausgenommen und wenn es um die Befriedigung von Bedürfnissen geht, sind die Deutschen durchaus ausgabefreundlich gestimmt. Im Übrigen werden Handel und Industrie, anders als bei der Einführung des Euros, sehr darauf bedacht sein, sorgfältig zu kalkulieren um die Geldbörse der Verbraucher zu schonen. Die Befürchtungen, die Mehrwertsteuererhöhung wird die Schwarzarbeit weiter in die Höhe treiben, sind überzogen.

Wenn Deutschland ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent und einige Zehntel Prozent mehr schafft, entsteht eine Dynamik die nicht von einem Quartal zu anderen einbrechen kann. Wir spüren bereits heute, dass allein die Verbesserung der Gefühlslage der Deutschen dem Land Auftrieb gibt.

Ich möchte aber auch darauf aufmerksam machen, dass sich der Konsum stark wandeln wird. Der quantitative Konsum wird weiter abnehmen, der qualitative zunehmen. Die Hoffnung, die arg gebeutelte, kaum noch existierende Mitte in den Absatzmärkten, könnte sich erholen oder gar wieder eine bedeutende Rolle spielen, wird sich nicht erfüllen, weil der aufgeklärte Verbraucher mit dem zumeist unprofilierten Angebot in der Mitte des Marktes nicht viel anfangen kann. Er wird, wie uns die Marktbeobachtung lehrt, weiter bei der Deckung seines Bedarfs sehr preisorientiert kaufen und wenn es um die Erfüllung von Bedürfnissen geht, immateriellen Werten zusprechen.

Qualitativer Konsum erzeugt Lebensqualität und umgekehrt. Lebensqualität finden wir nur dort, wo der qualitative Konsum zuhause ist. Diese Art von „besserem Leben“ nährt ganz automatisch den Leistungswillen und die Leistungsfähigkeit der Menschen. Dadurch werden die Auftriebskräfte gestärkt und verleihen Stabilität. Es sind eben immer noch die Menschen, die ein blühendes Land ausmachen. Für uns, die wir Märkte gestalten heißt das: Wir müssen frischen Wind in das Land tragen, Neues wagen, uns wieder mehr trauen, die ewigen Bedenkenträger in die Schranken weisen und die uns gestellten Aufgaben auch wieder mit einem Schuss gesunden Optimismus angehen.

Natürlich dürfen wir nicht übersehen, dass der Staat seinen Bürgern künftig weniger Gutes tun kann und dass die staatlichen Leistungen teuer bezahlt werden müssen. Beides bedeutet Ausgaben, die es in der Vergangenheit so nicht gegeben hat. Bedenkt man, dass der Staat alles, was er für den Bürger leistet, sich auch von ihm bezahlen lässt, dann heißt „weniger Staat“ am Ende des Tages für den Bürger größere Freiheit in der eigenen Lebensgestaltung. Die soziale Verantwortung gegenüber dem schwachen Bürger und die Solidarität mit ihm muss deshalb noch lange nicht auf der Strecke bleiben.

Gewiss, kein Land der Erde lebt für sich allein. Positive weltwirtschaftliche Einflüsse, die Abwesenheit von Krieg im Großen, Energiekosten die bezahlbar bleiben und nicht überborden, die Kontrolle der Geldströme und Erfolge im Ausgleich zwischen arm und reich, müssen zu den eigenen Leistungen der Deutschen hinzukommen, damit es dauerhaft aufwärts gehen kann. Ohne euphorisch zu sein, kann man sagen, dass heute eine Menge Probleme zu lösen sind und dennoch gab es schon finsterere Zeiten. Und weil wir nur allzu oft und schnell über die Politiker herfallen und sie der Unfähigkeit bezichtigen, sollten wir auch einmal feststellen, dass „die Politik“ gerade in jüngster Zeit eine ganze Menge Positives geleistet hat.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Deutschland, dass die Deutschen vor einem Aufschwung mit der Folge einer lang anhaltenden Schönwetterperiode stehen. Und damit ist es auch an der Zeit einer neuen Qualität im strategischen Denken Platz zu machen.

 
SchmidPreissler SchmidPreissler Strategy Consultants


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