Eine rasante Ausweitung der vertikalen Distribution internationaler Konsumgütermarken gefährdet die Infrastruktur des unabhängigen Einzelhandels
BriefLetter - Issue 05/2006
Es vergeht keine Woche in der nicht zwei, drei und mehr international tätige Konsumgüterhersteller den Aufbau oder die Verdichtung ihrer Absatzstellenetze durch die Eröffnung eigener Geschäfte bekannt geben.

Gewiss, nicht immer entstehen dann tatsächlich so viele Geschäfte wie angekündigt. Es sagt sich ja auch leichter, 60 Geschäfte in Russland, 200 in China und 40 in Deutschland, oder bis zum Jahr 2010 1000 Filialen weltweit zu eröffnen, als es schließlich auch dann zu realisieren. Trotzdem, was sich auf den Märkten tut, lässt die Sorge aufkommen, dass diese Entwicklung auch Gefahren mit sich bringt.

Der unabhängige Einzelhandel, insbesondere die Großunternehmen, die Waren- und Kaufhäuser, die Discounter und die Ketten, um nur einige typische Formen des Einzelhandels zu nennen, haben sich teilweise durch Privat Labels und aggressiven am Preis orientierten Marketingkonzepten viel zu weit vom Angebot der Marken entfernt und sie zurückgedrängt. Ein Leben am Rande des Handelsgeschehens ist die Folge.

Das Verhältnis zwischen Handel und Industrie ist gestört. Der Handel, obwohl in allen Branchen nicht gerade mit guten Gewinnen gesegnet, gebärdet sich vielfach arrogant, wobei er irrtümlicherweise auch annimmt, im Besitz der Marktmacht zu sein. Diese jedoch liegt in letzter Konsequenz beim Verbraucher. Die Industrie wiederum muss sich den Zugang zum Handel im wahren Sinne des Wortes erkaufen. Der Handel wird dadurch immer mehr zum Bereitsteller von Lager- und Displayfläche und verliert erheblich an Leistungskraft.

Marken brauchen aber einen Lebensraum, der es ihnen erlaubt ihre Aura zu entfalten, den Menschen zu geben, was sie heute erwarten, wenn sie sich auf den Weg machen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen oder nur den Bedarf zu decken. Die Verbraucher sind anspruchsvoll und treffen kluge Kaufentscheidungen.

Mit unserer Beratungstätigkeit wollen wir Vermittler zwischen Industrie und Handel sein, um für Verhältnisse zu werben, die den Marktteilnehmern gerecht werden. Wir sehen dabei auch, dass die Marken unter dem derzeitigen Verhalten des Handels leiden und in ihm keinen vertrauenswürdigen Vermittler zum Verbraucher haben.

Es ist an der Zeit, dass Industrie und Handel einen Konsens für die Gestaltung des Lebens von Marken finden. Der Handel tut gut daran, den Marken zu geben, was ihnen zu steht, nämlich einen angemessenen Lebensraum für sie zu schaffen. Ohne Marken verliert jeder Markt die Kräfte, die ihn nachhaltig bewegen, weil sie der Erfüllung von Bedürfnissen, die der Mensch hat, dienen und Maßstab für die Deckung von Bedarf in Bezug auf ein ökonomisches Preis-Leistungsverhältnis sind. Ohne Marken verlieren die Märkte ihre Dynamik. Die vertikale Distribution zerstört einen gesunden Marktorganismus. Und dient damit am Ende des Tages weder dem Verbraucher, noch der Industrie und am wenigsten dem Handel.

Suchen wir nach dem Königsweg, in dem der unabhängige Handel als Partner der Industrie seiner Verantwortung als Distributeur in der Fläche gerecht wird und der Weg der vertikalen Distribution kommunikativen Charakter für die Marke erhält. In diesem Sinne ist die vertikale Distribution eine verkaufsfördernde Maßnahme und verliert den Charakter einer destruktiven Konkurrenz zum unabhängigen Einzelhandel.

Gesättigte Märkte und mit solchen haben wir es in der Ersten Welt im Bereich der Konsumgüter in der Regel zu tun, brauchen ein ehrliches Miteinander von Industrie und Handel und kein Gegeneinander.

Käme es nicht zu einem Miteinander würden aller Marktbeteiligten schließlich Verlierer sein: Die Industrie, weil sie auf Dauer und flächendeckend die Verfügbarkeit ihrer Marken nicht finanzieren kann, der Handel, weil er ohne nennenswerten Umsatzanteil von klassischen Marken nicht gewinnbringend arbeiten kann und der Verbraucher, weil für ihn die Marken die solide Orientierung im Einkauf und damit in der Bedarfsdeckung und Bedürfnisbefriedigung sein können.

Es ist an der Zeit, Positives und Negatives gegeneinander abzuwägen und Schaden vom Markt und seinen Teilnehmern fernzuhalten. Und bei all dem sei gesagt, dass wir nicht grundsätzlich gegen die vertikale Distribution eingestellt sind. Wir wollen sie nur wieder auf die ihr ursprünglich zugedachten Aufgaben reduziert wissen.

 
SchmidPreissler SchmidPreissler Strategy Consultants


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