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Am 11. Februar 2006 veröffentlichte der Economist einen kritischen Bericht mit der Überschrift " Waiting for a Wonder " über die Situation in Deutschland und prompt geriet die Redaktion dieses hoch angesehenen Magazins in die Kritik, zumal noch zu Zeiten der Regierung Schröder die Beurteilung Deutschlands ganz anders aussah.
Damals zeichnete der Economist ein Bild in den schönsten Farben mit fantastischen Perspektiven. Heute malen die Redakteure das Bild in düsteren Farben mit wenig Perspektiven. Hat der Ausgang der Bundestagswahl 2005 diesen Stimmungsumschwung bei den Redakteuren verursacht?
Wie auch immer! Tatsächlich läßt der derzeitige Zustand Deutschlands viele Möglichkeiten der Beurteilung zu. Die Agenda 2010, die Kanzler Schröder auf den Weg brachte, hat fraglos viele Ansätze für den erforderlichen Wandel, der in Deutschland notwendig ist, damit die Bürger und das Land als Ganzes wieder Perspektiven mit klaren Konturen bekommen.
Mit der Bundestagswahl haben die Bürger zunächst einmal die Politiker entmündigt und damit, sehr wahrscheinlich ohne die Folgen zu bedenken, ein noch größeres Vakuum geschaffen als das bereits Vorhandene, welches man mit der Agenda 2010 beseitigen wollte.
Deutschland leidet darunter, dass die großen der Gesellschaft Struktur gebenden Gruppen in ihren Führungsetagen seit langem an Auszehrung leiden. Das gilt für die Parteien genauso, wie für die Gewerkschaften, die Wirtschaft, die tragenden Säulen sozialer Einrichtungen und die Kirchen.
Die mit der Wirtschaft Befassten fordern eine zeitangepasste soziale Marktwirtschaft, aufbauend auf dem Gedankengut Ludwig Erhards. Die Sozialdemokraten wollen ihre Spendierhosen nicht ausziehen und ständig neue Wechsel zur späteren Einlösung ausstellen. Die Gewerkschaften kämpfen um das Überleben. Wenn es um das Soziale geht, weiß kaum noch jemand so recht, was man darunter zu verstehen hat. Streitet man doch in erster Linie darum, ob eine liberale Wirtschaftsordnung oder ein treu sorgender Staat wichtiger ist. Dabei glauben viele noch, dass ein treu sorgender Staat ein Sozialstaat ist, mit dem sich das Thema „Soziales“ ganz bequem von selbst erledigt. Einzig allein die Kirchen scheinen ein zukunftsorientiertes neues Selbstverständnis zu besitzen, wobei ihnen der „deutsche“ Papst zu Hilfe kommt.
Die Bundeskanzlerin tut wenig um dem derzeitigen Treiben ein schnelles Ende zu bereiten. Sie macht keine wirklichen Vorgaben und das, was sie ehrlich und aufrichtig nennt, ist mehr oder weniger selbstverständlich, womit sie vielleicht sogar, für viele unbemerkt, eine nicht unwichtige Vorgabe macht. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sind in der Vergangenheit selten geworden, nicht wegen einer zu hohen Nachfrage, sondern weil diese fundamentalen Werte teilweise austrockneten.
Deutschland durchschreitet nach hundert wirren Jahren eine Periode der Selbstfindung. Zuletzt war diese Periode geprägt durch den Traum vieler, mit Geld, am besten mit geliehenem Geld, alles zu kaufen und auch noch reich zu werden.
Ich meine, was wir derzeit in Deutschland erleben, wird am Ende sein Gutes haben. Deutschland ist nach wie vor enorm leistungsfähig. Mit leistungsstarken und verantwortungsvollen Führungskräften kann Deutschland in Zukunft in der Wirtschaft und in allen anderen Bereichen Erfolg haben.
Die Mehrheit der Menschen weiß sehr genau, dass sie ihre Sache selbst in Hand nehmen muss, dass es ohne Leistung keinen Lohn gibt und dass man die Verantwortung sich selbst gegenüber nicht auf andere übertragen kann.
Die Menschen haben, wie ich beobachten kann, wieder differenziertere und klarere Wertvorstellungen. Sie wissen sehr genau, dass der Konsum nicht der Schlüssel zum Glück ist.
Ich denke auch, dass die Menschen zunehmend wieder die Kraft entdecken, die in ihrer Einzigartigkeit liegt. Und je weniger sie von den Politikern erwarten, je selbstsicherer sie ihr Wissen und Können in der Wirtschaft einbringen und je klarer sie das Bürgersein im ursprünglichen Sinne als Verteidiger der Werte wieder verstehen, desto schneller findet das ganze Land seine künftige Rolle in Europa und in einer globalisierten Welt.
Eines ist für mich ganz klar: Deutschland wartet nicht auf ein Wunder. Die Headline des Artikel war sicherlich nur das Ergebnis einer unglücklichen Wortwahl. Wichtiger erscheint mir die Tatsache, dass der Economist in seinem Artikel die gegebenen Realitäten in Deutschland sehr treffend beschrieb.
Was bedeutet das für unsere Arbeit? Wir müssen uns bei der Entwicklung und Umsetzung von Strategien mit viel Einfühlungsvermögen bemühen, für den Bedarf und die Bedürfnisse der Menschen die richtigen Produkte und Dienstleistungen zu finden. Der Wertewandel muss stärkere Beachtung finden, Wachstumsansprüche müssen qualitativ begründet sein und in der Kommunikation muss die Wahrhaftigkeit Vorfahrt haben.
Ich denke, wenn wir, die in der Wirtschaft Tätigen selbst einhalten, was wir beispielsweise von den Politikern fordern, wenn wir uns in gleicher Weise den Menschen verpflichtet fühlen, wie wir das von den Verantwortlichen der sozialen Einrichtungen und den Kirchen erwarten, wenn wir Wahrhaftigkeit praktizieren, können wir einen Beitrag leisten, damit Deutschland einen echten Relaunch erlebt. Und dann wird es auch zu den 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum kommen, die Deutschland braucht, um das schlimmste aller Probleme, die menschenunwürdige Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. |