Das Markenmarketing steht vor einer Zeitenwende
BriefLetter - Issue 24/2004
Das Wort „Krise“ wäre zu viel, aber weit ist das Markenmarketing nicht mehr davon entfernt.

Über einen langen Zeitraum, im Grunde waren es die letzten drei Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, wurde im Marketing nicht selten viel Geld ausgeben, ohne letztlich eine Kontrolle darüber zu haben oder haben zu wollen, wie sinnvoll und effizient die Mittel eingesetzt wurden. Über Nacht wurden vorher nie gehörte Worte zu Marken hochstilisiert, alles und jeder setzte auf Luxus, der Konsum schien immer üppiger auszufallen, die Umsätze stiegen und stiegen. Als dann zu Beginn der 90er Jahre beim Verbraucher langsam Unsicherheit erwuchs, ob der materielle Konsum denn wirklich der Hauptsinn des Lebens ist, wollten das die Verantwortlichen vielfach nicht sehen, und so kam, was kommen musste: Umsatz und Gewinn der Konsumgüterhersteller in ganz Europa begannen zu stagnieren und zu bröckeln.

Im Glauben, der Preis sei das alles entscheidende Instrument, begann im Handel ein Preiskrieg an allen Fronten und die leeren Kassen der Staaten taten ein Übriges, um eine allgemeine Verunsicherung aufkommen zu lassen, auf die das in den Blütejahren gewachsene Marketingverständnis keine Antwort hatte.

Weder die Italiener, die Franzosen, die Engländer, die Spanier noch die Deutschen konnten sich vorstellen, dass es auch in Zeiten weniger guter Geschäfte ein Marketing geben kann und muss, das nicht ausschließlich auf den Preis abzielt. Natürlich ist dieses Marketing ein grundlegend anderes als das der sogenannten „fetten Jahre“.

Ich denke, die Zeit ist reif, den großen Schnitt zu machen. Nicht einfach so weiter zu machen. Wir können nicht warten, bis der Konsum von sich aus wieder auf Touren kommt und eine neue konjunkturelle Hochzeit einläutet. Wenn wir zurück und nach vorne schauen, werden wir ohnehin feststellen, dass es keinen Aufbruch nach gehabtem Muster geben kann.

Eine Marketingzeitschrift gab kürzlich den Rat, das Marketing zu simplifizieren. Und unter den sieben aufgestellten Regeln besagte eine, der „Vertrieb“ solle das Marketing übernehmen. Abgesehen davon, dass die derzeit tobenden Preiskämpfe, der Spannenruin, das Unwesen mit den Platzierungskosten und viele andere katastrophale Maßnahmen zur Ankurbelung der Umsätze Folgen von Marketingmaßnahmen sind, die Verkäufer in Marketingfunktionen auf den Weg gebracht haben, kann es nicht zielführend sein, einen neuen Mann ans Klavier zu setzen, um eine bessere Musik zu machen, wenn das Klavier bis an die Tasten im Wasser steht.


Wir stehen an einer Zeitenwende. Und was wir brauchen, ist ein neues Markenmarketingdenken.

Ich will fünf elementar wichtige Punkte nennen, die für ein neues Marketingdenken essenziell sind:
  • Wir müssen den Begriff Marke neu definieren. Nur weil ein Wort in der Warenzeichenrolle eingetragen ist, ist es noch keine Marke. Und die alte Definition, wonach ein Produkt dann ein Markenprodukt ist, wenn es markiert, verpackt, überall erhältlich ist und überall den gleichen Preis hat, hat mit dem Profil einer Marke, wie wir sie heute verstehen, nichts mehr zu tun.

    Für mich haben wir es dann mit einer Marke zu tun, wenn sich diese auf sieben Elemente stützen kann: Herkunft, Geschichte, Profil, Positionierung, Image, Bekanntheit und Schutz.

    Mit einem Markenprodukt haben wir es zu tun, wenn Marke und Produkt eins sind. Das schließt das Anbieten von Produkten unter verschiedenen Marken aus. Wer ein Markenprodukt gleichzeitig unter seiner Marke und einem Privatlabel anbietet, verwirkt das Existenzrecht des Markenprodukts. Ganz abgesehen davon, zerstört er seine Marke.

  • Marken müssen geführt und nicht gemanagt werden. Markenführung vor Markenmanagement. Es wird unbezahlbar, nach jedem Personalwechsel an der Spitze des Marketings die Markenstrategie in Frage zu stellen. Und ein Werbeagenturwechsel darf nicht gleichbedeutend mit einem Konzeptionswechsel sein. Es ist richtig, dass sich Verbraucher in den letzten Jahren in vielen Branchen von der Marke abwandten oder das Vertrauensverhältnis aufkündigten. Aber nicht weil die Verbraucher den Marken das Vertrauen aufkündigen wollten, sondern weil sie von Marken enttäuscht wurden

    Es gilt also mehr denn je, Vertrauen zu schaffen, durch qualifizierte Markenführung und Kontinuität im Kommunikationsprozess.

  • Es darf nicht an den falschen Stellen gespart werden. Sparen ist ehrenwert, aber im Prinzip eine Selbstverständlichkeit. Wer den Eindruck hat, er könne sparen, muss sich erst Klarheit darüber verschaffen, wo der Rotstift anzusetzen ist ohne Langzeitschäden zu verursachen. Wer beispielsweise an der Kommunikation spart, um Geld für Rabatte zu haben, in der Annahme, da würde man es am wenigstens spüren, wird am Ende nicht einmal mehr seine eigene Beerdigung bezahlen können.

  • Um ein neues Markenmarketing besser finanzieren zu können, bedarf es eines Paradigmenwechsels. Bisher richteten sich Marketingbudgets zu meist nach Umsatz- und Gewinnergebnissen. Gingen die Geschäfte gut, wurden die Budgets reichlich ausgestattet, ließen Umsatz und Gewinne zu wünschen übrig, wurde der Rotstift angesetzt. Mal wurde das hohe Lied der Marke gesungen, mal wurde die Marke zum reinen Mittel zum Zweck degradiert.

    Ein neues Markenmarketing muss sich am Markenwert orientieren und diesen Wert verzinsen. Nur dann wird in Zukunft genügend Geld vorhanden sein, um das Markenmarketing zu finanzieren. Marken dürfen nicht länger als „Stille Reserve“ angesehen werden, zumal sie der wichtigste Vermögenswert eines Unternehmens, in dessen Mittelpunkt Marken stehen, sind.
     
  • Wir müssen die Frage nach der künftigen Qualität des Wachstums stellen. Nur mehr umzusetzen, um mehr Gewinn zu machen, diese Formel ist nicht mehr zeitgerecht. Überhaupt muss vor der Frage neuen Wachstums die Konsolidierung bestehenden Geschäftes stehen. Umschichten vom Quantitativen zum Qualitativen, Raffinieren, Konzentration auf das Originäre, Rücknahme von allem Me-Too-Verdächtigen, Sammlung und Überprüfung des sich in einem Unternehmen befindlichen Wissens, eine strenge Einschätzung des Ressourcenwertes und klare neue Zielsetzungen, all dies ist notwendig, bevor man die Frage nach neuem Wachstum stellt. 

Zusammenfassung:

Nach den Jahrzehnten des Erstürmens immer neuer Konsumgipfel hat der Verbraucher, gegen die Macht der Wirtschaft, einen Bruch mit der Vergangenheit herbeigeführt. Er hat den Wertewandel in Gang gesetzt. Aus der Konsumgesellschaft ist eine Wissensgesellschaft geworden, in der es keine Zielgruppen herkömmlicher Art mehr gibt, in der das Individuum wieder den Ton angibt. Wir stehen an einer Zeitenwende und das Markenmarketing muss sich darauf einstellen. Um das Markenmarketing auf einen guten Weg zu bringen, sind für mich unter vielen Maßnahmen die angeführten fünf von besonderer Bedeutung: Eine neue Markendefinition einzusetzen, das Markenmanagement durch eine Markenführung zu ersetzen, dem Sparsinn die richtige Qualität zu geben, den Markenwert zu entdecken und die Frage, wie viel und welche Art von Wachstum künftig sein soll und muss, mit großem Verantwortungsbewusstsein anzugehen.

 
SchmidPreissler SchmidPreissler Strategy Consultants


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Editor: Dipl. Soz. Maximiliana Schürrle
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