Wenn der Wahnsinn zur Größe treibt
BriefLetter - Issue 23/2004
Wahnsinn, so sagt Brockhaus*, ist die allgemeinsprachliche Bezeichnung für psychische Störungen, bei denen Wahnideen auftreten und sinnlose Handlungen zur Folge haben. Genauso muss es sein, wenn man die unter dem Schlagwort „Globalisierung“ von vielen Unternehmen vorangetriebene Expansion näher betrachtet. Gewiss, wenn Asien sich vor der eigenen Haustür breit macht und ein Flug von Paris nach San Franzisko nicht mehr Zeit beansprucht, als eine Bahnreise von München nach Hamburg und wenn die Wirtschaft nicht mehr durch enge Staatsgrenzen ausgebremst wird, dann müssen Unternehmen sich in diesen neuen Räumlichkeiten einrichten. Bei alldem darf der gesunde Menschenverstand die Verantwortlichen aber nicht verlassen, denn sonst tritt genau das ein, was gemeinhin unter dem Wort Wahnsinn verstanden wird. Die deutschen Großbanken sind ein Beispiel dafür, was passiert, wenn man vom Wahnsinn befallen wird. Einst reich und wirklich mächtig, dennoch in gewisser Weise von dem Gefühl beseelt, provinziell zu sein, machten sich, nach dem Generationenwechsel, bei dem die Nachkriegsbanker den Stab an ihre Nachfolger übergaben, die neuen Verantwortlichen auf den Weg zu neuen Zielen. Ein McKinsey Studie, in der ein neues Banker-Zeitalter beschrieben wurde, und die aufkommende Globalisierung gaben den Anstoß zu den neuen Zielen, weit draußen in der Welt. Man wollte, nein man musste „Globalplayer“ werden, um zu überleben.

So jedenfalls erklärte man die Aktivitäten den Zurückgelassenen, den Kunden, die über Jahrzehnte und länger, treue und brave Kunden waren. Ganz nebenbei ließ man sie auch wissen, dass sich auch für sie einiges ändern werde. Den Kleinen gab man zu verstehen, dass man es nicht ungern sähe, wenn sie sich nach anderen Banken, umsähen. Die Privatkunden passten ebenfalls nicht mehr ins Konzept und so versuchte man sie in neue Strukturen zu pressen. Milliarden Euros wurden für Umstrukturierungen, Fusionen und Fusionsabsichten, Aufkäufe und natürlich für den Aufbau globaler Präsenz ausgegeben. Geld schien keine Rolle zu spielen. Dass man jedes Fass, gleichgültig wie groß es sein mag, leer schöpfen kann, wurde erst entdeckt, als der ganze Wahnsinn der überstürzten Globalisierung sichtbar wurde. Das Ergebnis sieht so aus: Riesige Vermögenswerte sind verloren gegangen und die Kunden sind zum größten Teil verärgert oder auch verunsichert. Tausende von Arbeitsplätzen wurden vernichtet, die verbliebenen Mitarbeiter sind frustriert und wertvoller Besitz musste verkauft werden, um die gemachten Verluste zu tilgen. Das Schlimmste jedoch ist die Tatsache, dass dadurch die Großbanken zu billigen Übernahmekandidaten wurden.

Globalisierung und Größe sind nicht ein und dasselbe. Im Gegenteil, es ist die Globalisierung, die kleinen und mittleren Unternehmen die größeren Chancen einräumt, weil sie mit ihren innovativen Kräften schneller und zielgenauer operieren können als ihre großen Konkurrenten.

Globalisierung ist im Übrigen nicht etwas, was weit draußen in der Welt stattfindet. Sie findet überall statt, also auch um uns herum in nächster Umgebung. Die Globalisierung kann man nicht anderen überlassen. Jeder ist von diesem Prozess erfasst und es gibt keine Strategie mit Aussicht auf Erfolg, ohne klare Vorstellungen, wie man sich der Globalisierung stellt.
 
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