Die Deutsche Krankheit* darf nicht zu einer Pandemie werden. Wir müssen sie überwinden.
BriefLetter - Issue 13/2004
Ein italienischer Fabrikant sagte mir dieser Tage, in Rumänien würden die Menschen ohne zu zögern Arbeit annehmen, ja, sich freuen, Arbeit zu bekommen. In Italien sind die Menschen solchen Angeboten gegenüber reserviert, weil ihre für die Arbeit vorgesehene Zeit zu knapp bemessen ist. Die Wichtigkeit der Freizeit steht einem Verhalten, wie es die Rumänen zeigen, hinderlich im Weg.

Nein, nein, die Menschen scheuen nicht die Arbeit, sie haben nur nicht genügend Zeit dafür. Und dieses Problem ist nach unserem Dafürhalten ein viel größeres als die Höhe der Lohnkosten. Die Deutschen haben es ihren Nachbarn vorgemacht: Gewerkschaften und Unternehmen haben über Jahre einen stillen, aber in seiner Langzeitwirkung fatalen Deal gemacht: Die Gewerkschaften erhielten in allen Lohnverhandlungen, Jahr für Jahr, mehr Freizeit für ihre Mitglieder zugesagt als die Unternehmen eigentlich verantworten konnten und im Gegenzug haben die Gewerkschaften die Abwanderung der Produktion nur sehr verhalten kritisiert.

Die Menschen haben sich mit dem Überfluss an Freizeit neue private Welten aufgebaut, in denen die Arbeit im herkömmlichen Sinne nur noch eine nachgeordnete Bedeutung besitzt.

Die Industrie wertete den Paradigmenwechsel als Zeichen der Unlust an der Arbeit und, weil sich natürlich vieles auch in Zahlen niederschlägt, als Verteuerung der Arbeitskraft und zog ihrerseits Konsequenzen. Mit der Verlagerung der Produktion in Länder der Zweiten und Dritten Welt.

Eine verlagerte, stagnierende oder rückläufige Konsumgüterproduktion führt in einem Land oder einer Wirtschaftsregion am Ende zu einem Weniger an Konsum. Mit der Folge wachsender oder nicht zu bewältigender Arbeitslosigkeit. Und genau da sind die Deutschen als Erste angekommen. Von Deutschland aus nahm das Problem seinen Lauf. Jetzt scheint es auch Italien erfasst zu haben, ein Land das seinen wirtschaftlichen Aufstieg in den vergangenen Jahrzehnten der Konsumgüterproduktion verdankte. Aber auch Länder wie Frankreich, die Niederlande, Spanien, Portugal und Irland verlieren rapide Produktion an China, Vietnam, Rumänien, die Ukraine und andere Länder mit Menschen, denen Arbeit noch etwas bedeutet.

Was können wir tun, um zu verhindern, dass Regionen wie Westeuropa zwar im Warenangebot und in Freizeit schwimmen, es aber an Kaufkraft mangelt, weil es an Einkommen mangelt?

Wir müssen der Arbeit wieder zu Ansehen verhelfen.

Wir müssen klar machen, dass nur die Arbeit der Freizeit einen Sinn gibt. Und dass übermäßige Freizeit in Müßiggang endet. Krank macht.

Ein paar Zehntel Punkte weniger Lohnnebenkosten schaffen keine entscheidende Wende.

Die Gesellschaft der Industrieländer muss sich neu aufstellen, wenn sie die Erste Welt bleiben will und wenn sie ihrer Verpflichtung an der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen in der Zweiten und Dritten Welt nachkommen will.

Der arbeitende Mensch, der Mitarbeiter mit allen seinen Fähigkeiten, seinem Können und Wissen, muss in unseren Unternehmensstrategien wieder einen herausgehobenen Platz einnehmen, der ihm seinen Wert deutlich macht. Die Entwertung der Arbeitsleistung muss ein Ende finden. Der Wert der Arbeit muss gleichberechtigt neben dem Wert und der Bedeutung der Kapitalgeber stehen.

* Unter Deutscher Krankheit verstehen wir das Freizeitleben mit Arbeitsunterbrechung

 

 
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