Permanentes Price-Tag-Marketing zerstört die Marktkultur
BriefLetter - Issue 21/2007
Immer mehr Branchen und Handelsunternehmen geraten weltweit in Existenznot oder verschwinden gar aus den Märkten, weil der billige Preis zum alleinigen Verkaufsargument wird.

Warenhauskonzerne sind, von ganz wenigen abgesehen, in Schwierigkeiten, weil ihnen ein eigenes klares Profil fehlt und sie sich wie Discounter verhalten, obwohl sie ungleich höhere Kosten für ihre Häuser und ihren Service haben. Mit billigen Privat Labels locken sie Kunden in ihre Häuser und riskieren damit, dass die Umsätze mit klassischen Marken mehr und mehr an Bedeutung verlieren. Interessant ist, dass die wenigen erfolgreichen Warenhauskonzerne in Europa, Amerika und Asien gegenteilige Strategien verfolgen, indem sie Erlebniswelten mit großen Marken produzieren, mit erstklassigem Verkaufspersonal die Kunden bedienen und mit jedem Euro, Dollar oder Yen bereits ein Wiederkommen der Kunden einläuten.

Seit Jahren krankt der Lebensmittelhandel, weil er mehr als fünfzig Prozent seines Umsatzes mit Lockvogelangeboten macht. Kaffee ist beispielsweise in Deutschland fast nur noch über Aktionspreise zu verkaufen. Das Gleiche gilt für Bier, Süßwaren und andere Produkte, die im Grunde genommen mehr Bedürfnisse befriedigen, als den Bedarf zu decken.

Der Sportartikelhandel ist in Europa in einer ernsten Existenzkrise. Gewinne, wenn man überhaupt von Gewinnen sprechen kann, liegen zwischen einem und drei Prozent, viel zu wenig, um die Geschäfte attraktiv zu gestalten und geschultes Fachpersonal zu beschäftigen. Mit der Konsequenz übrigens, dass die Hersteller internationaler Megamarken vertikale Vertriebsstrukturen aufbauen und so zu gefährlichen Konkurrenten ihrer Einzelhandelskunden werden. Sie verkaufen nicht über den Preis, sondern zu regulär kalkulierten Preisen und machen Gewinne, die nicht selten im zweistelligen Bereich liegen.

Gewiss, die Verbraucher achten auf Preise und schätzen den günstigen Preis. Der billige Preis allerdings sorgt nicht dauerhaft für mehr Umsatz, sondern es entstehen Preiskämpfe, die meistens mit Qualitätsmanipulationen enden. Der klassische deutsche mittelständische Spielwareneinzelhandel musste den Discountern praktisch überall im Lande weichen. Nachdem die Discounter den Markt im Griff hatten, begann zunächst das große Markensterben, weil sie nur noch das billige Massengeschäft im Auge hatten. Das Ganze endete in jüngster Zeit mit dem Verkauf von billigem Wegwerfspielzeug, das die Gesundheit gefährdet. Aufwendige Rückrufaktionen waren die Folge.

Jeans für 9,99 Euro, Kaschmirpullover für 67 Euro und Schuhe für 29,90 Euro sind nur einige Beispiele für die Preisgestaltung des aktuellen Modeangebots.

Die Presse feiert die Anbieter dieser günstigen Produkte als konsumentenfreundlich. Ein unsinniger Irrtum, denn auch betroffene Textilunternehmen müssen Rückrufaktionen starten, weil die Produkte sehr häufig gesundheitliche Schäden anrichten können.

Welche Mittel kann man dagegen in Zeiten ergreifen, in denen der Konkurrenzkampf kriegsähnliche Züge hat? Wie soll man überleben, wenn die Umsätze weg brechen? Diese Fragen werden uns gestellt, wenn wir vor den zerstörerischen Folgen des permanenten Price-Tag-Marketings warnen. Für uns gilt auch in diesem Zusammenhang: Performance vor Wachstum. Wir sind gegen ein über den Preis erkauftes Wachstum. Wer die untrennbare Beziehung zwischen dem solide kalkulierten Preis und einer angemessenen Qualität als Leistung leugnet, wird sich auf die Dauer aus dem Markt katapultieren, aber nicht nur das, sondern darüber hinaus die Marktkultur angreifen und damit dem Verbraucher unmittelbar Schaden zu fügen, in der einen oder anderen Form.

 
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Editor: Dipl. Soz. Maximiliana Schürrle
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