Strategen sind Pfadfinder durch das Dickicht der Illusionen
BriefLetter - Issue 08/2007
Die Menschen reden heute gerne davon, dass wir in einem Zeitalter ohne Illusionen leben. Meine Beobachtung und das täglich Erlebte sagen mir, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Die Welt ist voller Illusionen.

Voll von beinahe zu vielen Illusionen. Illusionen überlagern immer öfter die Realität in allen Bereichen unseres Lebens. In der Wirtschaft, in der Politik, in der Gesellschaft. Im Kleinen wie im Großen.

Manchmal habe ich den Einruck, die Illusion ist bereits zu einer Existenz gefährdenden Droge unserer Zeit geworden, weil sie leicht das Gefühl vermittelt, die Zukunft sei ganz einfach in Griff zu bekommen. Man muss nur grenzenlos innovativ und kreativ sein, Illusionen ohne Ende haben und modern sein. Die Antworten auf die Frage, was denn einen Menschen zu einem modernen Menschen macht, sind dann schon eher schwer zu verstehen und lassen sich vielleicht so zusammenfassen: Ein moderner Mensch ist das Gegenteil von einem konservativen Menschen, er ist kein Gestriger, keiner der überholte Grundsätze und Vorstellungen hat. Ein moderner Mensch orientiert sich am Jetzt und Heute, hat mit der Vergangenheit nicht viel zu tun, geht mit der Zeit und ist en vogue. Genaueres allerdings bleiben die Propheten eines illusionsgeprägten Weltbildes in aller Regel allerdings schuldig.

Gewiss, wir müssen innovativ und kreativ sein. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass wir uns zur Vergangenheit bekennen, dass wir Grundsätze haben und dass unsere Vorstellungen in einem sinnvollen Bezug zur Realität stehen. Und was die Illusionen angeht, so sollten wir nicht ganz auf sie verzichten wollen. Sie beflügeln mitunter die Phantasie und haben so auch ihre Berechtigung und ihren Sinn.

Modern müssen wir meiner Meinung nach nicht sein, um die Zukunft zu meistern. Wir sollten eher konservativ im wohlverstandenen Sinne sein. Modern sein ist mir zu flüchtig, zu wenig werthaltig, zu nichts sagend und unverbindlich.

Im Konservativen steckt die Kraft zur Kontrolle unseres Denkens und Handelns, zur Selbstreflexion und zur richtigen Ent- und Begrenzung. Konservativ sein erlaubt auch, die Pfade zu finden, die sicher durch das Dickicht der Illusionen führen.

Strategen sind konservativ und daher die richtigen Pfadfinder durch das Dickicht der Illusionen. Ihnen gelingt es, ein vernünftiges Maß an Illusionen zuzulassen, eben genau das Maß an Illusionen, das uns den richtigen Pfad finden lässt.

Vielleicht ist es ja auch einmal mehr eine Gelegenheit, wenn man über Illusionen und ihre Bedeutung nachdenkt, sich auch mit dem Wert „konservativ zu sein“ auseinander zu setzten, anstatt laut darüber zu sinnieren, ob und warum wir modern sein sollen oder müssen. Wie gesagt, ich kann darauf verzichten, modern zu sein. Ich befürworte die Auseinandersetzung über die Frage, welchen Wert es hat konservativ oder modern zu sein. Das kann durchaus provokativ geschehen. Konservativ zu sein, heißt ja auch, die Kraft zu haben, Werte in Frage zu stellen.

 
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