Einmal Shenzhen und zurück
BriefLetter - Issue 03/2007
Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, ob China und andere asiatische Länder auch in der Zukunft als bevorzugte Produktionsstandorte für europäische Konsumgüter und deren Absatz in Europa anzusehen sind. Die Nachfrage von Verbrauchs- und Gebrauchsgüter in Europa zeigt, dass die Verbraucher immer häufiger das individuelle, qualitativ hochwertige und von Serviceleistungen begleitete Gut kaufen und der Handel kurzfristig und in kleinen Mengen - ohne große Lieferantenlager -disponiert. Die traditionellen Saisons gibt es nicht mehr. Mit anderen Worten: Die heutigen Absatzmärkte befinden sich in einem tiefen Wandel und in gleichem Maße verändern sich – nur mit einem kleinen Verzögerungsmoment – auch die Verhältnisse auf der Produktionsseite in China und in ganz Asien.

In China werden sich die Einkäufer einer geradezu lawinenartigen Kostenentwicklung gegenüber sehen. Steigende Energiekosten, steigende Löhne, der Einzug eines bisher nicht gekannten Umweltbewusstseins und damit die damit verbundenen Gesetze und Vorschriften, ein akuter Facharbeitermangel, steigende Rohstoffkosten, die Einführung von Steuern und rapide steigende Abgaben, eine Kostenexplosion bei der Produktionsüberwachung und die daraus resultierenden Qualitätsprobleme, lange Lieferzeiten ohne ausreichende Liefergarantien werden das Produzieren in China immer schwieriger machen und letztlich die Wettbewerbsfähigkeit im Absatzmarkt gefährden. Was wir in China erleben werden, wird sich auf ganz Asien ausdehnen. Die gleichen Probleme tauchen früher oder später überall in Asien auf. Schließlich ist nicht zu übersehen, dass viele asiatische Unternehmen nicht länger gewillt sind, billig zu produzieren und die attraktive Wertschöpfung ihren Abnehmern zu überlassen. Chinesische und andere asiatische Unternehmen drängen selbst auf den europäischen Markt. Sie kaufen Unternehmen und Marken, die ihnen den Marktzugang erleichtern.

Sicherlich ist es richtig, dass ein Produktionsstandort in Asien den Zugang zu den sich dort entwickelnden Absatzmärkten erleichtert. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass sensible Absatzmärkte am besten zu bedienen sind, wenn die Produktionsstandorte in unmittelbarer Nähe sind. Das gilt für Asien ebenso wie für Europa, Afrika und Amerika. China und die übrigen asiatischen Märkte werden auch in Zukunft noch differenzierte Produkte im Vergleich zu den anderen Märkten nachfragen, einmal abgesehen von den wenigen, wirklich auf der ganzen Welt nachgefragten Luxusmarken.

Das Zurückholen von Produktion und die Aufteilung nach den Erfordernissen und die Absatzmöglichkeiten der jeweiligen Märkte bedürfen ganz sicher gründlicher Überlegungen und sorgfältiger Analysen. Vor allem gilt es sich ein klares Bild davon zu machen, in wie weit qualifiziertes Personal rekrutiert werden kann. Dies dürfte nach dem jahrelangen Arbeitsplatzabbau nicht ganz einfach sein. Europäische Löhne und Kosten sind zu verkraften, wenn die Produkte den erforderlichen Qualitätsstandard haben und „Made in Italy“ oder „Made in Germany“ erkennbar ist. In Zusammenhang damit gewinnt die Aus- und Fortbildung, speziell der Facharbeiter und Handwerker, an Bedeutung. Die Länder, in den das Handwerk immer eine große Rolle gespielt hat, wie beispielsweise Deutschland, dürften dabei eine gute Ausgangsposition haben, wenn es um die Renaissance der Produktion von Gebrauchs- und Verbrauchsgüter geht. In vielen von uns angesprochenen Themen spielt die Firmenkultur neben dem Wert der klassisch gewachsenen Marken eine große Rolle. So auch, wenn Unternehmen für sich die Herstellerrolle wieder entdecken, vielleicht sogar gerade, wenn es um das Produzieren geht.
 
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