Immer häufiger versagen die heutigen Führungsinstrumente. Warum?
BriefLetter - Issue 19/2006
In den USA stehen die amerikanischen Automobilhersteller vor riesigen Halden unverkaufter Neuwagen, in Europa hat EADS mit dem AIRBUS A380 Probleme mit der Produktion, die möglicherweise zu Milliardenverlusten führen werden, zwischen Siemens und dem koreanischen BenQ Konzern gibt es Krach aufgrund der Folgen, die der Verkauf des Siemens Mobile Geschäfts mit sich bringt.

Die Liste der die Medien ernährenden Schlagzeilen und Berichte ließe sich beliebig verlängern. Und das alles, obwohl die Unternehmen nie mehr Marktforschung betrieben haben als heute, Frühwarnsysteme raffiniertester Art eingesetzt werden, ganze Heerscharen von Planungsstäben, Controllern und anderen Fachleuten einschließlich externer und interner Beratungsteams tätig sind, Tagungen und Kongresse, Seminare und Klausuren veranstaltet und besucht werden und weltweite Kommunikationsnetze und –mittel zum Einsatz kommen. Pleiten, Pech und Pannen überziehen zunehmend die Wirtschaft und ich sehe mit großer Sorge, dass die ungezügelte Globalisierung für uns alle zu einer markerschütternden, viele Existenzen bedrohenden Falle werden könnte. Was um Himmelswillen läuft denn heutzutage schief? Warum gerät die Wirtschaft auf allen Kontinenten von einem Katastrophenfall in den nächsten? Sind es wirklich die Führungsinstrumente oder gar die Führungskräfte selbst? Ich will keineswegs die Führungskräfte entschuldigen und die Schuld allein den Führungsinstrumenten geben. Tatsache ist allerdings, dass wir in einer Zeit leben, in der die Instrumente weitgehend die Menschen beherrschen und nicht umgekehrt. Das beginnt schon damit, dass ständig nach der Absicherung von Entscheidungen gefragt wird, so, als ob das, was früher den Unternehmer und seine Entscheidungen ausgemacht hat, nun Zahlenkolumnen, Meinungsbefragungen, Team- und Gruppenentscheidungen, Analysten oder gar Ordnungspolitikern überlassen werden könnte.

Es sind die Führungsinstrumente, die Pannen und Pleiten herbeiführen und zum Pech für Führungskräfte werden. Als Hilfsmittel sind sie mit Sicherheit wichtig und dienlich. Sie sollen jedoch etwas leisten, wozu ihnen die Fähigkeiten fehlen: Sie sollen nämlich führen. Wenn alleine die Marktforschungsergebnisse beispielsweise darüber entscheiden, welcher Autotyp in Zukunft gebaut werden soll, entweder ein Energie fressender Offroad Supercruiser oder ein sparsamer Stadtwagen für die Besorgungen und Einkäufe des Alltags, wissend, dass die Rohölvorräte endlich sind und sich der Preis entsprechend entwickeln wird, dann wird die Entmachtung der Führungskräfte durch die ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente klar. Es besteht auch die Gefahr, dass Analysten mit ihren Charts und Einschätzungstheorien, die häufig nur auf Zahlenmaterial und theoretischen Überlegungen basieren, Führungskräfte von Unternehmen zu hilflosen Knechten degradieren, die mehr der Auflagenentwicklung von Zeitungen dienen, als den Unternehmen, für die sie Verantwortung tragen müssen.

Warum ist das so? Das Abgeben der Führungsrolle und die Übertragung der Entscheidungsprozesse auf die Instrumente sind vielfach Folgen der Überforderung und der Fehleinschätzung von Führungsqualitäten. Unsicherheit, die man versucht zu überspielen, fehlende Beständigkeit in einer rastlosen Zeit, eine Kumpanei mit der Hoffnung, die Verleugnung der Bedeutung der Vernunft und Existenzangst sind einige der Ursachen, die uns allen so zu schaffen machen. Ich sage uns allen, weil die exemplarischen Fälle, die uns so sehr beschäftigen, weil sie ja zumeist auch noch andere angehen, nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass wir mehr oder weniger alle in Gefahr geraten, nicht mehr entscheiden zu können, sondern das Instrumentarium diese Aufgabe übernimmt und dann aber versagt, weil die Instrumente allein kein Ersatz für eine erfolgreiche Unternehmensführung oder Entscheidungsfindung sind. Sie können kein Ersatz für menschliche Führung sein.

Wie können wir uns aus der Herrschaft der Instrumentarien befreien und so die Macht des Handelns wieder dem Geist übereignen? Wir müssen der Wahrhaftigkeit wieder einen erstrangigen Stellenwert einräumen, dadurch gewinnen wir Sicherheit und Weitsicht zurück, damit wir Beständiges leisten können. Dies alles zusammen führt schließlich zu einer Souveränität, die es erlaubt, Führungsinstrumente erfolgreich als Hilfsmittel einzusetzen.

 
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Editor: Dipl. Soz. Maximiliana Schürrle
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