Entlassungen bei Allianz, Gehaltsexplosionen bei der DB, Gezeter bei den LKW-Bauern, ein Führungsdesaster bei Siemens und das alles wegen der vermeintlichen Globalisierung?
BriefLetter - Issue 19/2006
Welcher Teufel, um Himmelswillen, reitet eigentlich deutsche Topmanager? Gewiss, die Globalisierung bringt viele unerwartete Probleme mit sich und während sich besonnene Denker und Analysten bereits die Frage stellen, ob die Globalisierung überhaupt eine Zukunft hat und ob wir uns mit Haut und Haaren auf sie einlassen dürfen, versuchen Topmanager deutscher Unternehmen ihre angeblich Zukunft verheißenden Maßnahmen mit der Globalisierung zu rechtfertigen.

Sogar die Steigerung der eigenen Einkünfte wird neuerdings indirekt mit der Globalisierung in Verbindung gebracht. Es sei der angemessene Lohn für den Einsatz, den die Topmanager leisten um die Unternehmen für die Globalisierung fit zu machen.

Immer und immer wieder wird ein Zusammenhang zwischen Globalisierung und Unternehmensgröße hergestellt. Für mich ist dies absoluter Unsinn. Gewiss, es gibt Branchen, in denen die Unternehmensgröße in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit eine Rolle spielt. Dabei handelt es sich jedoch um Einzelfälle die als Ausnahme wiederum die Regel bestätigt. Die Regel sagt nämlich: Unternehmenserfolge sind von der Größe des Unternehmens selbst unabhängig. Wie auch sonst könnte ein Unternehmen wie Porsche der ertragreichste Automobilhersteller der Welt sein. Unsere kleine Unternehmensberatung, die sich seit Jahren im Familienbesitz befindet, konkurriert weltweit erfolgreich gegen enorm leistungsstarke Beratungsfirmen wie McKinsey und Boston Consulting Group. In diesen wie auch in anderen Fällen zeigt sich durchaus, dass die Spezialisierung auf ein bestimmtes Produkt genauso erfolgreich sein kann wie die Angebotsbreite stark diversifizierter „Multinationals“. Wir sagen von uns, dass wir als Beratungspartner die Spezialisten sind, wenn es darum geht, anspruchsvolle Aufgaben in den Führungsetagen der Unternehmen zu lösen.

Das ganze Dilemma, das wir heute erleben, hat seine Ursache in der Unsicherheit und den Ängsten und Zweifeln, mit denen viele Topmanager herumirren. Nicht selten sind es egomane Selbstbestätigungszwänge, die die Menschen umtreiben. Da lässt eine Gewaltiger der Versicherungsbranche fragen, ob man bereit sei, seine Gesellschaft als Versicherungsgeber zu empfehlen, nachdem seine Subalternen allein in den letzten drei Jahren die Vertriebsstrukturen mehrfach änderten und die Prämien mit steter Regelmäßigkeit bei gleichzeitig erkennbarer Verringerung der Leistungen erhöhten. Er selbst, der Gewaltige nämlich, hat mit dem Schlagwort der Globalisierung auch noch Tausende von Mitarbeiter entlassen.

Was immer aus der Globalisierung wird, sie soll nicht für die Überforderung in die ersten Führungsetagen gelangter, sicher gut meinender Manager der zweiten und dritten Ebene, die Verantwortung übernehmen müssen. Wie das enden kann, haben wir in Bayern gesehen. Ausgerechnet eine italienische Bankengruppe musste die beiden, in jeder Hinsicht einstmals „Königlichen“
Banken retten, nachdem sie von einem schrecklichen Missmanagement in einen Zustand gebracht wurden, der ihnen die Eigenständigkeit raubte, während landauf landab kleine Spar- und Raiffeisenbanken und mittelständische Banken aus Österreich und der Schweiz zeigten, wie man, gerade weil man nicht so groß ist, international, global flink wie ein Wiesel und damit anders als die schwer manövrierenden Großbanken, interessante Geschäftsmöglichkeiten wahrnehmen kann.

Der Schweizer Kollege Malik fordert eine neue Managementqualität. Er sagt, dass wir nicht länger die Perspektiven von Morgen mit den Mitteln von Gestern angehen dürfen. Ich denke, er hat Recht. Allerdings, auch davon bin ich überzeugt, müssen wir uns von der Kaste der Topmanager trennen und befreien, die Dichtung und Wahrheit so wenig auseinanderhalten kann, dass sie selbst nicht mehr weiß, was Recht und Unrecht, Sinn und Unsinn ausmachen.

Für mich persönlich hat das, was heute gemeinhin als Globalisierung bezeichnet wird, keine Chance für einen dauerhaften Bestand. Natürlich wird die Welt immer kleiner, Entfernungen werden immer schneller überwindbar und dank moderner Kommunikationsmittel ist es möglich, miteinander zu reden, von Angesicht zu Angesicht, ohne am gleichen Ort sein zu müssen. Es wird dennoch keine Globalisierung im Sinne eines Machtfaktors geben, vielleicht als Vehikel für den Transport von Gütern, aber als ein solches wäre sie keine wirkliche Gefahr, wenngleich Topmanager es häufig so darstellen. Was immer ist und sein wird, wir dürfen nicht zulassen, dass Unzulänglichkeit und Unvermögen die Macht über das Anständige und Wahrhaftige gewinnen. Wir haben Anlass uns speziell in Deutschland darüber zu freuen, dass vieles in der Wirtschaft wieder besser läuft. Darüber sollte man reden, das sollte die Headlines der Medien bestimmen und nicht die Unfähigkeit Einzelner. Und wir sollten kritisch und mit Abstand aufnehmen, was uns aus Angst vor den Gefahren der Globalisierung als veränderungsbedürftig aufgezwungen wird. Achtung, es sind viele falsche Propheten unterwegs. Insofern hat sich in den vergangenen zwei Jahrtausenden wirklich wenig verändert und dies, obwohl auch die Globalisierung zu allen Zeiten als Drohung angezeigt wurde, ohne, dass sie die Welt wirklich zu ändern vermochte.

 
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Editor: Dipl. Soz. Maximiliana Schürrle
Assistant Editor: Regina Seago

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